Das Risiko mit dem Virus – Aufruf zur Impfung

Viel wurde geschrieben, diskutiert und analysiert – im Lichte der Pandemie: von Virologen, Epidemiologen, Psychologen, Soziologen und Politikern. Und all ihre Bemühungen hatten eines gemeinsam, nämlich die Suche und das Streben nach Normalisierung unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens. Nach 18 Monaten „geschlossener Gesellschaft“, haben wir Sehnsucht nach Zufallsbegegnungen, nach sozialer Nähe, nach Lust am Reisen und einer „Rückeroberung“ unserer verlorenen Freiheit.

Wir alle haben die folgenschweren Auswirkungen der Pandemie zu spüren bekommen. Nun bereiten wir uns wieder vor – auf die 4. Welle. Wir wollen uns schützen und die Kurven abflachen, Ansteckungen verhindern und Menschenleben retten. So deutlich muss das einmal gesagt werden. Viele sind bereit einen Beitrag zu leisten. Regeln und Maßnahmen einzuhalten und die damit verbundenen Risiken einzuschätzen. Die Frage ist: Reicht die individuelle Freiheit und die damit verbundene Einschätzung des eigenen Risikos aus, um die gesamtgesellschaftliche Gefahr zu erkennen? Können wir uns in dieser Situation der Pandemie als Gesellschaft der sozialwissenschaftlichen Definition des Risikos bedienen, wonach Risiken individuell zurechenbar und zeitlich begrenzt sind? Und die Schadensfolgen der Entscheider über das eingegangene Risiko selbst trägt?

Jedes Verhalten, das andere nicht gefährdet, wird also zum Gegenstand des eigenen Risikokalküls, wie der Soziologe Dirk Baecker argumentiert. Und die Gesellschaft in einer liberalen Demokratie würde dafür sorgen, dass Gefahren ausgeschlossen werden, die jeden Einzelnen daran hindern könnten, diese eigenen Risiken einzugehen. Also jeden Bürger und jeder Bürgerin die Möglichkeit gibt, selbst zu entscheiden, ob sie eine Covid-Impfung in Anspruch nehmen oder nicht. Dies ist und bleibt ein wesentliches Grundrecht unserer Gesellschaft. Wie gehen wir aber als Gesellschaft damit um, wenn die Abschätzung des Risikos jedes Einzelnen eine Gefahr für die Gesellschaft darstellt? Wenn nichtgeimpfte Bürger jene Gruppe von Menschen gefährden, die nicht geimpft werden können? Dann beginnt nämlich plötzlich das Risikokalkül jedes einzelnen Bürgers zur Gefahr für die Gesamtbevölkerung zu werden. Und so könnte der Aufruf mit einer Textzeile der Rockgruppe Silbermond enden: „Auch wenn um uns grad‘ alles wackelt und es Abstand braucht. Rücken wir die Herzen eng zusammen. Machen wir das Beste draus.“  Verringern wir das eigene Risiko und die Gefahr für uns alle – durch eine Impfung.

Österreich, wohin gehst du?

Der Artikel wurde als Gastkommentar im Magazin „The European“ am 20.8.2021 veröffentlicht. https://www.theeuropean.de/josef-oberneder/oh-du-mein-oesterreich/

Im „kontemplativen“ medialen Sommerloch merke ich mein Bedürfnis nach Reflexion politischer Geschehnisse in Österreich. „Oh, du mein Österreich! Da bist du ja wieder!“  titelt ein Text von Elfriede Jelinek aus dem Jahr 2018. Und sie hätte nicht gedacht, dass sie etwas sagen müsse, was sie schon einmal gesagt hätte, so die Nobelpreisträgerin in ihren Zeilen. Sie erhebt ihre Stimme und ruft zu einer Anti-Regierungs-Kundgebung auf, um dann mit den Zeilen zu enden: „Wir selbst wurden abgesagt, es folgt der Abgesang, und es folgt das, was die Öffentlichkeit froh als ihre Meinung ausgibt. Woher sie die wohl haben mag? Bitte schmeißen Sie dieses Papierl nicht weg, dort steht der Mistkübel, dort gehört es rein.“

Wie gesagt, da gibt es in mir eine Sehnsucht nach Reflexion des politischen Diskurses der Jetztzeit. Denken und schreiben helfen mir dabei – manchmal. Die Freiheit des Denkens hat etwas Stärkendes, etwas Belebendes, manchmal vielleicht auch etwas Apokalyptisches. So wurde auch ich in diesen Sommermonaten zurückgeworfen auf Beobachtungen von Skandalen und Skandälchen, die ich schon sah und die ich immer wieder sehe. Und von denen ich ebenfalls nicht gedacht hätte, dass ich wieder etwas sagen müsse, weil ich schon einmal was gesagt habe.

So geschah es etwa 2019 anlässlich der Einbringung eines Misstrauensantrages und der anschließend stattfindenden Neuwahlen in Österreich. Es sei Vorsicht angesagt, so damals meine Formulierung, wenn nach 525 Tagen voller Skandale („Süddeutsche Zeitung“) auf Seiten der politischen Parteien und deren Beobachter nicht die Chance ergriffen würde, grundsätzliche Antworten für hochkomplexe Fragestellungen (Klima, Soziales, Wirtschaft, Migration etc.) zu finden. In Anbetracht von politischen Verlogenheiten und permanenten Skandalen sei vor einer Art „eingelernten Hilflosigkeit“ der Politik dringend zu warnen.

Ein Video hatte also am 17. Mai 2019 unsere Alpenrepublik aufgerüttelt, den Sumpf der moralischen Korruption offengelegt. Der Aufschrei war lauwarm, aber er hatte jedenfalls den Anspruch für etwas Neues zu werben – für die Bekämpfung von Korruption in Österreich. Zwischenzeitlich hatte uns das „Corona-Virus“ fest im Griff. Nun, im Sommer 2021 ist es irgendwie bei einem medialen Plätschern geblieben. Vieles scheint vergessen zu sein. Die durchgeplante und inszenierte Regierungskommunikation („Message-Control“) funktioniert perfekt. Abgesehen von wenigen Zeitungen und Journalisten würden alle Medien in der Krisenkommunikation gehorsam mitspielen, wie die Sprachwissenschaftlerin Ruth Wodak argumentiert. Die schmutzigen Geschäfte werden medial verharmlost und insbesondere von den Boulevardmedien mit den Worten „Es war eh schon immer so“ abgetan.

Oh, du mein Österreich! Sind wir wirklich so sprachlos, um das, was geschieht, kommentarlos zu sehen? Wo ist der Aufschrei? Findet dieser Aufschrei möglicherweise nur in den sozialen Medien statt? Ist es dort etwa leichter, wenn die Medienbeauftragten der Regierung beispielsweise kritische Universitätsprofessoren in der Twitter Community blockieren? Meidet man, oder fürchtet man den konstruktiven Diskurs?

Man muss ja nicht gleich den Niedergang der politischen Kultur an die Wand malen. Mahnende Beispiele würde man zwar finden. In Erinnerung darf aber schon gebracht werden: Der parlamentarische Untersuchungsausschuss (Ibiza-Untersuchungsausschuss) war aufschlussreich und hatte weitreichende Konsequenzen: Aufgrund einer Flut von „seltsamen“ Chatnachrichten mussten schließlich die Herren Thomas Schmid (Vorstand der Österreichischen Beteiligungs AG), Wolfgang Brandstetter (Verfassungsrichter) und Christian Pilnacek (Sektionschef) ihre Sessel räumen. Vieles wissen wir noch nicht und werden wir auch nie wissen. Jedenfalls müssen wir hoffnungsvoll in die Zukunft schauen – auch da wiederhole ich mich: Zwölf wichtige Proponentinnen und Proponenten haben in Österreich eine Initiative zur Stärkung der Rechtsstaatlichkeit und gegen Korruption ins Leben gerufen. Die dringende Forderung nach Pressefreiheit in dieser Initiative ist an Aktualität aufgrund der stattgefundenen ORF-Wahl zum Generaldirektor kaum zu überbieten.

Oh, du mein Österreich! Ja, wir passen uns manchmal an, sind leise, aber wir melden uns auch zu Wort. Immer mit dem Anspruch für ein respektvolles demokratisches Miteinander.

Alles soll so bleiben, wie es künftig einmal sein wird.

Anmerkungen und Beobachtungen zum politischen Diskurs der Jetztzeit. Der Gastkommentar erschien in der Wiener Zeitung

https://www.wienerzeitung.at/meinung/gastkommentare/2109378-Alles-soll-so-bleiben-wie-es-kuenftig-einmal-sein-wird.amp.html

Humberto Maturana, der erst kürzlich verstorbene chilenische Neurobiologe und Mitbegründer des radikalen Konstruktivismus, formulierte einst die These: „Alles, was gesagt wird, wird von einem Beobachter gesagt.“ Beobachtung sei demnach die Differenz von Unterscheidung und Bezeichnung. Sie sei also eine Leistung, die nur etwas bezeichnen und beschreiben könne, weil sie das Beschriebene von etwas anderem unterscheide: die Vergangenheit von der Gegenwart, das Zentrum vom Rand, das Links vom Rechts, die Rechtmäßigkeit von der Unrechtmäßigkeit…

Gesellschaftspolitisch interessierte und geübte Beobachter können in diesen Tagen aus dem Vollen schöpfen. Sie können beobachten und unterscheiden, wie politische „Wunderkinder“ der Vergangenheit zu zentralen Figuren einer gleichsam dystopischen Tagespolitik werden. Sie sehen Chat-Protokolle aus höchsten Regierungskreisen, die nicht nur Einblick in die politischen Machenschaften, sondern auch in die private Werteorientierung einzelner Politiker und Manager geben. Sie können beobachten, wie tagespolitische Reizüberflutung („Flood the zone with shit“) die inhaltliche Arbeit überlagert – permanent: Videobotschaften, Tweets und Bildmaterial.

Wir müssen feststellen, dass angesichts dieser Entwicklungen politische Arbeit seltsam diffus wird. Sie nimmt die Form gewinnorientierter Leistung an. So als ob man etwas verkaufen müsse. Ja, sie wird in der Folge gar emotional und personal aufgeladen: Da wird vom „Sündenfall des Heiligen Sebastian“ gesprochen und die Frage gestellt, wie lange sich Österreichs „Skandalkanzler“ noch halten könne (im Magazin „Stern“), oder von „infantiler Politik“, die ein Streben nach „totalitärer Kontrolle“ sichtbar mache („Süddeutsche Zeitung“). Oder von einer persönlichen Vernichtung eines Menschen im Sinne einer wohlgesteuerten Twitter-Häme im Zusammenhang mit dem Rückzug von Öbag-Chef Thomas Schmid („Kurier“). Dies sind aber nur einige Randnotizen eines innenpolitischen Schauspiels, das mehrmals die roten Linien überschritten und den Beobachtern den Blick für die wesentlichen politische Zukunftsfragen völlig verstellt hat.

Oft ist die Rede von Volatilität und Komplexität als neuer und beinahe übergeordneter Qualität unserer Gesellschaft, die es zu bewältigen gelte. Wie wir sehen konnten, verlangen Corona und zahlreiche andere (selbstgemachte) Krisen ein politisches Steuerungsinstrumentarium, das sich tatsächlich ganz wesentlich von einer Logik der Korrektur gemachter Fehler unterscheidet. Sie verlangen nach einer Utopie, wie es künftig einmal sein wird. „The future is already here, but we need to pay attention to it“, formulierte einmal der am MIT tätige Managementberater Otto Scharmer so treffend. Man müsse sich aus der Wahrnehmung des Gefängnisses der Vergangenheit befreien. Ein buchstäblicher Ortswechsel mit der höchsten Zukunftsmöglichkeit sei notwendig, um dann in der Gegenwart ganz neu ansetzen zu können. Dafür brauche es die Befreiung aus den schmutzigen Mechanismen der Politik und die Befreiung aus dem Sumpf des „Es war ja schon immer so“. Längst wissen wir, dass die Lernerfahrungen einer Gesellschaft in verschiedenen Bereichen wie etwa der Sprache, den normativen Grundlagen oder den Entscheidungsstrukturen verankert sind. Demnach muss das Anprangern von Missständen neben den personellen Konsequenzen verstärkt auf der Ebene von Systemeigenschaften einer Gesellschaft ansetzen.

Eine wichtige Initiative

Zwölf namhafte Proponentinnen und Proponenten stehen nun vor einer Initiative, die sich für Rechtsstaatlichkeit und gegen Korruption einsetzt. Der frühere Leiter der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft, Walter Geyer, formuliert stellvertretend für die Gruppe, jetzt sei der richtige Zeitpunkt, weil es sich um ein systemisches Korruptionsproblem handle. Jetzt, wo die Dinge so deutlich auf dem Tisch lägen, müsse man reagieren. Ein schlechter Zustand dürfe nicht perpetuiert werden.

Es brauche wieder mehr Anstand und Integrität in der Politik, eine Stärkung der Rechtsstaatlichkeit und damit des Wirtschaftsstandorts sowie eine Stärkung der Unabhängigkeit der Justiz. Eine moderne und umfassende Antikorruptions- und Transparenzgesetzgebung würde dann auch in Zukunft einen „Mandatskauf“ verhindern. Ob tatsächlich das Finanzministerium aufgrund eines kritischen Artikels zur „Rolle der türkisen Führung innerhalb der ÖVP“ eine Einstellung der Werbeschaltungen im Magazin „News“ bekanntgab, kann hier nicht verifiziert werden. Jedenfalls bestätigt diese Pressemeldung aber die ebenfalls erhobene dringende Forderung nach Pressefreiheit, qualitativer Medienförderung und Bekämpfung von Inseratenkorruption. Der Initiative ist ein gutes Gelingen zu wünschen. Mit vielen Unterschriften und Mut, um das Künftige und Gewünschte in die Gegenwart zu bekommen. Sie könnte ein Mittel der Erkenntnis und ein Erlebnis für das Neue sein. Meine Unterschrift hat sie.

Stillgelegte Solidarität

Der Artikel erschien in der Wiener Zeitung am 26.5.2021 Seite 23. https://www.wienerzeitung.at/meinung/gastkommentare/2105482-Stillgelegte-Solidaritaet.html

„Pressure pushing down on me, pushing down on you . . .“ – so beginnt der Song „Under Pressure“ von Queen und David Bowie. Und irgendwie, könnte man zusammenfassen, endet dieses Lied mit dem Aufruf zu mehr Liebe und Mut, sich um jene zu kümmern, die an den Rändern der Gesellschaft leben. Also jene soziale Hilfe und Solidarität zu leisten, die als zentrale politische Aufgabe einer Gesellschaft definiert werden kann.

Dass gerade im Rahmen der „spätmodernen Sozialstruktur“, wie es der Soziologe Andreas Reckwitz formuliert, wieder Rekonfigurationen von Klassen stattfinden, ist angesichts der Corona-Pandemie nicht sonderlich überraschend. Durch den Verlust von Arbeit und sozialen Kontakten kam es in der Mitte der Gesellschaft gleichzeitig zu Auf- und Abwertungen, zu Entwertungs- und Entfremdungstendenzen. Soziale Exklusion und neue Armut sind kein konstruiertes Phänomen, sondern traurige Realität.

Allein im Jahr 2019 – vor der Corona-Krise – waren in Österreich gut 1,4 Millionen Menschen armuts- oder ausgrenzungsgefährdet. Das entspricht 17 Prozent der Gesamtbevölkerung, die entweder armutsgefährdet oder erheblich materiell geschwächt in einem Haushalt mit keiner oder sehr niedriger Erwerbsintensität leben. Auch die Vermögensungleichheit ist in Österreich besonders hoch. Die reichsten 10 Prozent besitzen etwa 56 Prozent des Nettovermögens. Die ärmsten 50 Prozent besitzen nur 4 Prozent.

Ja, die Herausforderungen sind komplex und nicht einfach zu beantworten. Man traf sich ja vor kurzem erstmals wieder physisch, nach dreieinhalb Jahren, zu einem Sozialgipfel auf EU-Ebene. Innenpolitisch wurden die sozialen Fragestellungen überlagert: Die Wahlkampfmaschinen sind ja im Dauermodus – unüberblickbare Perpetua mobilia. Nicht greifbar, aber irgendwie immer da. Zugunsten inhaltlicher Positionen wird auf PR und Marketing gesetzt. Die Gunst der Wahlberechtigten steht im Mittelpunkt, die dazugehörigen Umfragen sind die programmatischen Vorgaben. Die Medien als vierte Macht im Staat reproduzieren brav die Vorlagen der Politik. Sie berichten zwischenzeitlich über Skandale so selbstverständlich, als ob es eh schon immer so gewesen wäre.

Parteien inhaltlich im Debatten-Kreisverkehr

Hat sich etwa die Solidarität mit den Schwächeren der Politik entzogen? Hat die Begrifflichkeit gar etwas Biederes an sich, so als ob man diese nicht mehr verwenden dürfte? Steht die Gesellschaft der Singularitäten der sozialen Logik des Allgemeinen gegenüber? Braucht es wieder mehr Hinwendung zu einer kollektiven gesellschaftlichen Verantwortung – mehr Solidarität?

Mehr denn je stehen politische Parteien inhaltlich im Kreisverkehr öffentlicher (und interner) Debatten, wie es der Bildungswissenschafter Paul Reinbacher treffend formuliert. Vielleicht auch in einem „Pressure of Change“. Da kann es schon vorkommen, dass eingefleischte Neoliberale die öffentliche Hand um Hilfe bitten, damit der Wirtschaftsmotor wieder anspringt. Dass Vertreter des „linksliberalen Milieus“, die sich für Weltoffenheit und soziale Gerechtigkeit aussprechen, plötzlich meinen, sie seien nicht gewählt, um ihre Haltung zu zelebrieren.

Wo bleibt aber bei all den politischen Strategien, Botschaften und Grabenkämpfen der jüngsten Vergangenheit sowie den reaktionären Tendenzen gegenüber politischen Gegnern die Solidarität mit unseren Mitmenschen? Die Solidarität mit jenen Bürgerinnen und Bürgern, die täglich um ihre Grundbedürfnisse kämpfen, die ihre Arbeit verloren haben, die an psychischen Folgeerscheinungen der Pandemie leiden. Selbst die ehrwürdige Stimme der Sozialdemokratie schweigt vornehm. Wer, wenn nicht sie müsste die Solidarität mit den Schwächeren zeigen und einfordern.

Kultur der Anerkennung
und des Respekts

Ist diese Solidarität aber etwa stillgelegt? Und welchen Fragen müssen wir uns dringend stellen, um eine Kultur der Anerkennung und des Respekts zu etablieren? Das Menschliche sei nämlich normativ, und es gehe um das Gute, das humane Leben in der Gesellschaft menschlicher Individuen, notiert der Philosoph Julian Nida-Rümelin in seinen „Humanistischen Reflexionen“. Ein imaginäres Gericht würde in einer humanistischen Demokratie permanent darüber wachen, dass der Respekt gegenüber jeder einzelnen Person erhalten bleibe.

Es wird also wichtig sein, dass Österreich als Sozialstaat weiter gesicherte Lebensbedingungen für alle Menschen gewährleistet und für sozialen Ausgleich sorgt. Und damit Maßnahmen gegen gesellschaftliche Schieflagen ergreift. Und wenn die Politik wieder mehr Zeit für Inhaltliches, für Visionen und für zukunftsfähige Themen findet, könnte die Hoffnung für eine geteilte Solidarität aufleben. Da aber politische Parteien gegenüber Kritik und Anregungen weitgehend immun sind, müssen wir weiterhin den täglichen Spielchen lauschen und die Gerichte entscheiden lassen. Veritas filia temporis.

Die Politik auf dem Prüfstand

Spindoktoren, Verflechtungen und Reizüberflutung – eine Kurzanalyse. Der Kommentar erschien in der Wiener Zeitung vom 24. März 2021, Seite 22.

https://www.wienerzeitung.at/meinung/gastkommentare/2097581-Die-Politik-steht-auf-dem-Pruefstand.html

Wir kennen sie vom Hörensagen und aus U-Ausschüssen: Die Spindoktoren und PR-Berater der Politik, deren Imposanz in den Kabinetten von den Medien gewürdigt und hochstilisiert wird. Wie man hört, seien sie die wahren „Masterminds“ hinter den erfolgreichen Politikern.  Sie seien es, die um das ausgefeilte Framing ringen, mit dem die passenden neuronalen Muster bei den Wählern aktiviert werden sollen. Und sie seien es, die an der täglichen Inszenierung der Politik arbeiten, um die mediale Bühne mit gezielter Information zu versorgen.

Irgendwie sei unserer Zeit doch etwas eigenartig geworden, formulierte kürzlich ein Kollege. Er käme mit der Aufarbeitung der täglichen politischen Reize nicht mehr klar: Schredder-Affäre, BVT-Affäre, Pressekonferenzen am laufenden Band, Hausdurchsuchung bei einem Minister, Abschiebung einer Wiener Schülerin, offene Briefe und Angriffe der WKStA durch eine Regierungspartei, Suspendierung eines Spitzenbeamten, FFP-2-Maskenskandal bei einem österreichischen Unternehmen, Untersuchungsausschüsse und schließlich die Corona-Pandemie inklusive der damit verbundenen Impfstrategie seien nur einige Beispiele für ihn. Kein Wunder, dass angesichts dieser Verunsicherung in der Bevölkerung die „Sehnsucht nach Klarheit“  zunimmt und die Beraterstäbe erneut mit „Fehlvereinfachungen“  reagieren um sie zu befriedigen.

Die Verflechtungen und Verstrickungen der letzten Monate sind ja tatsächlich in ihrer Dichte und Komplexität nicht mehr überschaubar. Haben sich da nun etwa die PR-Berater und Spindoktoren mit ihren Empfehlungen und Ratschlägen zurückgezogen oder gar das Ruder aus der Hand gegeben, oder ist es eine gezielte Strategie, ein Reagieren auf etwas, das wir nicht kennen? Oder haben sich die Einflüsterer etwas ganz Besonderes einfallen lassen, um sich irgendwie von der politischen Konkurrenz zu unterscheiden? Vielleicht steckt dahinter ein Superhirn, das alles geplant hat?

Nein, nichts von alledem. Um sinngemäß mit dem Philosophen Robert Pfaller zu argumentieren: Es geht weitaus einfacher. Da genügen ein paar nützliche Mitarbeiter, die wittern, dass sie mit ihren Unternehmungen, Netzwerken und Verflechtungen Rückenwind genießen. Also Rückenwind-Profiteure, die in ihrer Arroganz nicht mehr zu bremsen sind und ihre Ratschläge nur auf sich selbst beziehen. Die vielmehr Ausschau halten nach den Bedingungen, wie sie sich an den Spielen der Politik beteiligen und von deren Intrigen profitieren können. Die Berater passen sich demnach zunehmend der Politik an und sind damit mit ihren Ratschlägen von Grund auf höchst verdächtig, auch selbst Politik zu machen. Dies ist weder sinnvoll noch vernünftig – und vor allem auch nicht zulässig.

Das Netzwerk der Verflechtungen

Wir werden also Zeugen seltsamer Verflechtungen in unterschiedlichen Teilbereichen unserer Gesellschaft. Diese finden nicht nur zwischen den Spindoktoren und der Politik statt, sondern auch oder vor allem zwischen der Wirtschaft und der Politik. Und hier scheint die Lage noch diffiziler zu sein: Als hybrid ließe sich die Beziehung zwischen den beiden gut beschreiben.

Die Wirtschaft dient sich gleichsam der Politik an, um in der Gestaltung politischer Steuerungsprozesse mitwirken zu können. Zweifellos ist dies in einer hochkomplexen Gesellschaft verlockend, aber endet letztlich in einer völligen Selbstüberlastung der Politik. Sie begibt sich nämlich in die Abhängigkeit der Wirtschaft, deren Autonomie sie respektieren muss, während sie aber gleichzeitig auf ihre Expertise angewiesen ist. So wie in vielen anderen Bereichen eben auch: wie etwa in der Kultur, in der Bildung, in der Gesundheit, in der Justiz, im Sozialbereich. Und genau in dieser Aufschlüsselung der Dialektik zwischen den einzelnen Teilbereichen unserer Gesellschaft, liege aber die Herausforderung für eine freiheitssichernde demokratische Politik in einer globalisierten Moderne, argumentiert der Soziologe Helmut Willke. Will die Politik der Selbstlähmung entfliehen, wird sie den Wahn der gesellschaftlichen Allzuständigkeit aufgeben müssen. Dies kann nur mit trockenem Geist und präzisen Analysen geschehen.

Politik ist eben nur eines von zahlreichen Teilsystemen unserer Gesellschaft. Sie strebt danach, sich selbst zu erhalten, indem sie intern ihren eigenen Operationsmodus permanent reproduziert und extern mit den anderen Teilsystemen unserer Gesellschaft in Kontakt tritt. Sie wird sich die Frage stellen müssen, wie sie in Zukunft einerseits ihre genuine Kernaufgabe erfüllt und anderseits die Nähe zu den einzelnen Bereichen unserer Gesellschaft sucht. Aber ohne Skandale und ohne Verflechtungen. Reale politische Prozesse also so zu gestalten, dass sie im Rahmen eines Interessensausgleichs zu einer kollektiven Akzeptanz der politischen Maßnahmen führen und gleichzeitig der Schutz des einzelnen Bürgers gewahrt und berücksichtigt ist. Die Politik selbst und die damit verbundenen Inhalte, stehen also auf dem Prüfstand. Gerade die letzten Monate haben gezeigt, dass Verhaltensnormen (sogenannte „Compliance-Regeln“) für Politiker essentiell und wichtig sind. Sie ziehen die entsprechenden Grenzen zu den anderen gesellschaftlichen Teilbereichen und erleichtern damit die Arbeit.

Man muss nicht gleich in Panik verfallen, aber mit Absicht können diese Zeilen als Ratschlag interpretiert werden. Man könnte allerdings auch realistisch formulieren: Ratschläge sind nutzlos. Oder optimistisch: Vorleben durch die Politiker wäre besser.

„Ist heute schon morgen?“

Meine Buchrezension zum Buch von Ivan Krastev: Ist heute schon morgen? Wie die Pandemie Europa verändert. Berlin: Ullstein 2020. Veröffentlicht im Magazin der Pädagogischen Hochschule Oberösterreich 1/2021 / Jahrgang 5 / Seite 18.

Ivan Krastev, geboren in Bulgarien, ist Vorsitzender des Centre for Liberal Strategies in Sofia und Permanent Fellow am Institut für die Wissenschaften vom Menschen in Wien, wo er den Schwerpunkt „Die Zukunft der Demokratie“ leitet. Der vielfach preisgekrönte Autor schreibt u.a. für die internationale Ausgabe der New York Times.

Zutiefst beunruhigt von der bevorstehenden Ausbreitung der Corona-Pandemie, aber sicher in einem Landhaus in Bulgarien untergebracht, schrieb Ivan Krastev seine Gedanken über die Post-Corona-Welt: „Da wir weder zur Arbeit gingen, noch uns mit Freunden treffen konnten legten wir gleichsam unsere Lebensplanung für eine absehbare Zukunft auf Eis.“ Eine Gesellschaft in diesem Zustand der Quarantäne sei eine „geschlossene Gesellschaft“ im beinahe wörtlichen Sinn, so der Autor.

In seiner Einleitung zieht Krastev Vergleiche mit der Pest: Wie Camus feststellte, löschte die Pest „die Erfahrung des persönlichen Lebens“ aus. Jemanden in Zeiten von Corona ungefragt zu berühren, komme einem Verrat gleich. Nichtgenehmigte Spaziergänge könnten – je nach den aktuell geltenden Corona-Maßnahmen – mit Strafen geahndet werden, und Kontakte zu anderen Menschen seien sogar zur Bedrohung unserer eigenen Existenz geworden. Die Frage sei dabei nur, wie lange uns dieses noch nie da gewesene Gesellschaftsexperiment im Gedächtnis bleibe. Oder könnte es sein, dass es für uns in einigen Jahren nicht viel mehr als eine Art kollektive Halluzination sei? Große Epidemien sind gar nicht so selten, und doch überraschen sie uns immer wieder aufs Neue – um später weitgehend in Vergessenheit zu geraten. So hatte etwa die Spanische Grippe zwischen März 1918 und März 1920 zwischen 50 und 100 Millionen Menschen das Leben gekostet. Überraschenderweise ist diese Katastrophe offenbar selbst bei Historiker*innen nicht mehr im Blickfeld. Als Grund dafür nennt Krastev unter Hinweis auf die Psycholog*innen Henry Roediger und Magdalena Abel das Phänomen, dass sich Menschen meist nur an „eine kleine Zahl auffälliger Ereignisse […] am Anfang, Wendepunkt und Ende“ eines Ereignisses erinnern. Erzählungen über eine Pandemie können z.B. kaum einer solchen logisch-stringenten narrativen Struktur gehorchen.

Um die öffentliche Meinung zu mobilisieren, trivialisiere die Politik nunmehr das Außergewöhnliche. Die Menschen sollen davon überzeugt werden, dass hier eine unvergleichbare Krise wüte und somit werde Covid-19 als die gleichzeitige Wiederkehr der drei vorherigen Krisen dargestellt: Terrorismus, Finanzkrise und Flüchtlingskrise. Das Virus werde zum „unsichtbaren“ Feind erklärt, um Überwachungstechnologien einzusetzen, mit denen man zuvor Terroristen aufgespürt habe. Als Reaktion auf die Pandemie brachten schließlich die Grenzschließungen zwischen EU-Mitgliedstaaten auf ähnliche Weise die Erinnerung an die Flüchtlingskrise und die Angst vor einem um sich greifenden ethnischen Nationalismus zurück.

Im Kapitel Eins formuliert Krastev seine Gedanken zum „Bleiben-Sie-zu-Hause“-Nationalismus. Covid-19 habe den gesamten Kontinent mit einem unheilbaren Nationalismus infiziert, der vor allem dem geheimnisvollen Zauber geschlossener Grenzen unterlag. In diesem Zusammenhang warnt er vor der Gefahr eines fremdenfeindlichen Populismus in der europäischen Politik. Vergleiche mit der Weltwirtschaftskrise 1929 und der Finanzkrise 2008/2009 werden gezogen, und es wird vor einer Abschottung der Nationalstaaten gewarnt. Die Europäer merken, so der Autor, dass der einzige Schutz jene Form von Protektionismus ist, die einen Zusammenschluss mit dem Rest des Kontinents bietet.

Kapitel zwei beschäftigt sich mit der Fragestellung, inwieweit Epidemien Gesellschaften beeinflussen und somit liberale Demokratien verändern könnten. Krastev sieht, wie viele politische Analysten, die Gefahr einer langfristig restriktiven Gesetzgebung, die auch nach dem Sieg über das Virus noch lange in Kraft bleiben könnte. Populisten und Demagogen könnten die Krise nutzen, um an der Macht zu bleiben und die Demokratie zu ersticken.

Mit einem Verweis auf eine frühe Novelle des italienischen Schriftstellers Italo Calvino ist Krastev davon überzeugt, dass es das besondere Talent der Demokratie sei, jeden Bürger und jede Bürgerin mit dem Wahlrecht auszustatten, ihm oder ihr eine Stimme zu geben – stets freilich mit dem Vorbehalt, dass sie nicht die Intensität jeweiliger Überzeugungen abbilden können. Und gerade deshalb sei die Demokratie bedroht in einer Welt, in der „Social Distancing“ als verantwortliches Verhalten internalisiert wurde. Die Möglichkeit, dass Covid-19 nicht nur einige Monate, sondern mehrere Jahre lang kein öffentliches Leben zulässt, würde damit zur größten Gefahr für die europäischen liberalen Demokratien. Demokratien nämlich, davon ist Krastev überzeugt, funktionieren nicht, wenn die Menschen zu Haus bleiben müssen.

Seine Schlussfolgerungen schließlich läßt Krastev in ein Konzept der sieben Paradoxa münden: Das erste Paradoxon bestehe darin, dass Covid-19 die dunkle Seite der Globalisierung offenlege, zugleich aber selbst ein Agent der Globalisierung sei. Zweitens habe die Corona-Krise den Trend der Deglobalisierung beschleunigt, gleichzeitig aber die Grenzen der Renationalisierung aufgezeigt. Drittens habe die Angst vor dem Virus einen Zustand nationaler Einheit hervorgerufen, wie ihn viele Gesellschaften jahrelang nicht mehr erlebt haben. Mit fortschreitender Zeit jedoch, so befürchtet der Autor, wird die Pandemie eine politische und ökonomische gesellschaftliche Spaltung verstärken. Die politischen Folgen der Krise vorherzusagen sei darum enorm schwer. Aufgrund eingeschränkter Grundrechte habe sich die Demokratie eine „Auszeit“ nehmen müssen. Das vierte Paradoxon   habe in vielen Staaten einen Ausnahmezustand hervorgerufen, der in der Folge die Sehnsucht der Menschen nach einer autoritären Regierung in Grenzen halte. Das fünfte Corona-Paradoxon besteht Krastev zufolge darin, dass die Union wichtiger werden könnte als alles andere in der Geschichte, obwohl sich die EU in der ersten Phase der Krise doch auffällig im Hintergrund hielt. Das sechste Paradoxon bestehe in der Umkehrung der durch große Krisen gewonnenen Erkenntnisse. So sei die Folge der Finanzkrise eine mangelnde Bereitschaft gewesen, Schulden zu vergemeinschaften und die Beschränkungen der Staatsausgaben zu lockern. Nunmehr erleben wir genau das Gegenteil. Da sich die europäische Union strukturell als ungeeignet erwiesen hat, die sich anbahnende Katastrophe zu lindern, besteht aus der Sicht Krastev ein weiteres Paradoxon darin, dass die EU als letzte Verteidigerin von Offenheit und Interdependenz nunmehr noch mehr dem Druck der gemeinsamen Strategie ausgesetzt sei. Möglicherweise, so der Autor, werden sogar Notstandsvollmachten auf Brüssel zu übertragen sein.

Die zeitlich aktuellen Ausführungen von Krastev wurden in manchen Punkten von der Schnelligkeit der Pandemie und den damit verbundenen Maßnahmen überholt. Insgesamt stellt das Buch jedoch eine komprimierte Diskussionsgrundlage für die Weiterentwicklung der Demokratie und der Europäischen Union nach Corona dar.

Sehnsucht nach Klarheit

Der Artikel wurde im Standard am 4.12.2020 veröffentlicht https://www.derstandard.at/story/2000122215945/die-politik-und-die-sehnsucht-nach-klarheit

Die aktuellen Ereignisse im Jahr 2020 rund um eine alles dominierende Corona-Pandemie zeigen einmal mehr, wie gesellschaftliche Komplexität in einer modernen Gesellschaft zugenommen hat. Je komplexer die gesellschaftlichen Verhältnisse und Umstände werden, desto lauter wird – in nachvollziehbarer und gleichzeitig paradoxer Weise – der Ruf nach „einfachen Antworten“ und desto stärker ausgeprägt scheint die „Sehnsucht nach Klarheit“ in der Bevölkerung zu sein. Diese Sehnsucht wird von den Medien bedient, eloquent mit Metaphern untermauert, die wir bis dahin nicht kannten.

Man hört vom „Licht am Ende des Tunnels“ und von Ampelfarben. Die Analysen zur Ausbreitung des Virus werden mit einem Tiger verglichen, der im Hinterhalt auf der Lauer sitzt und zuschlägt. Oder mit dem Auto kommt. Es kommt zu einer Trivialisierung der Sprache, um die Mobilisierung in der Bevölkerung für das Außergewöhnliche zu erreichen. Die Boulevardmedien veröffentlichen wöchentlich die Beliebtheitswerte der Regierung und der Opposition. Die politische Rhetorik ist getrieben vom Wunsch, möglichst wenig Wähler zu verlieren.

Wir haben es also in dieser Zeit mit einer Situation zu tun, die hochgradig komplex ist und in der eine Orientierung – auch fachlich –  schwierig bis unmöglich ist, aber gleichzeitig der Politik einfache Antworten abverlangt. Leben wir in einem „Land of confusion“, wie es die Rockband „Genesis“ im Jahr 1986 formuliert hat? „There’s too many men, too many people making too many problems …“ lautete der Befund, verbunden mit der Sehnsucht „Oh Superman, where are you now, when everything’s gone wrong somehow?“

Erlöser gesucht?

Ruft man nun nach einem „Erlöser“ aus dem Chaos der Konfusion? Sehnt man sich nach Klarheit und Einfachheit? Oder befinden wir uns in einem paradoxen Zustand zwischen Komplexität und Einfachheit? Angesichts dieser Situation erinnert man sich gerne an den prominenten Soziologen Niklas Luhmann, der festgehalten hat: „Die Letztfundierung in einem Paradox gilt als eines der zentralen Merkmale postmodernen Denkens. Die Paradoxie ist die Orthodoxie unserer Zeit.“ Und wie wir sehen, kommen wir gerade in Zeiten wie diesen nicht umhin, mit dieser Paradoxie zu leben.

Die Politik ist also gefordert in Zeiten einer Pandemiebekämpfung. Ein Blick auf die Berichterstattung lässt aber vermuten, dass uns nach wie vor Zerrissenheit vorgeführt wird. Einzelne Bundesländer fühlen sich von wichtigen Informationen ausgeschlossen. Regierung gegen Opposition – das alte Spiel. Das Krisenmanagement stottert. Ablenkungsmanöver mit schnellen neuen Interventionen (etwa Massentests) werden zum politischen Alltag.

Dabei müsste die Politik doch nur zur Kenntnis nehmen, dass ihre wichtigste Aufgabe darin besteht, alles zu unternehmen, um für diese komplexe Situation jene Rahmenbedingungen zu schaffen, die die Gefahr nicht größer werden lässt und damit Sicherheit in der Bevölkerung schafft. Ein nationaler Schulterschluss quer über alle ideologischen Gräben.

Mitunter könnte man sogar den Eindruck bekommen, dass die Politik nicht das Virus als Gegner bekämpft, sondern dessen „Schatten“, damit sind die politischen Mitbewerber gemeint. Wenn man so will, könnte man weiter ausführen, dass die Politik der augenblicklichen Komplexität mit einer angemessenen Würdigung begegnen müsste. Diese Würdigung würde dann zum Ausdruck kommen, wenn man in Anlehnung an den britischen Psychiater Ross Ashby eingestehen würde, dass bei komplexen Situationen eine grundsätzliche Überforderung der Akteure vorliegt. Die Lösung aber nicht in einer Verdoppelung der Bemühungen liegt (oder in der Bekämpfung des Gegners), sondern vielmehr in der Fähigkeit Selbstorganisation und Eigenverantwortung in der Bevölkerung zu fördern.

Appelle an Werte

Die diesbezüglichen Appelle an die Werte der Bürgerinnen und Bürger könnten sein: gemeinsames verantwortungsvolles Handeln, Solidarität, Rücksichtnahme, Toleranz. Sich auf diese Werte zu verständigen ist nicht problematisch, zumal kaum jemand ernsthaft in Krisenzeiten fordern würde, rücksichtlos oder intolerant zu handeln. Sie aber in die alltägliche Praxis zu implementieren und in Zeiten der Pandemie wirksam zu machen, ist sehr wohl herausfordernd. Zweifelsohne ist dies mit einem Risiko behaftet.

Hat doch der deutsche Soziologe Dirk Baecker unlängst so treffend formuliert, dass die Bevölkerung intelligent genug ist, um Klopapier zu kaufen, wenn andere es auch tun, oder aber etwa gebildet genug ist, um exponentielles Wachstum zu verstehen. Die Einschätzung, ob ein hinreichender Bildungsgrad in der Bevölkerung vorhanden ist, um die Konsequenzen des eigenen Verhaltens einschätzen zu können, sei schwierig.

Fest steht: Der Wunsch und die Sehnsucht nach einfachen Antworten der Bevölkerung, darf nicht den Strategien des Populismus und des Paternalismus zum Opfer fallen. Das Risiko wird nicht durch PR-Show und durch Ankündigungen von Ankündigungen minimiert. Weder die stereotypen Pressekonferenzen noch die dutzenden Inserate werden den Erfolg bringen. 

Es braucht konsequentes Krisenmanagement und empathisches Handeln. Vielleicht könnte man sich in Anlehnung an die Organisationsforscher Karl Weick und Kathleen Sutcliffe an den Merkmalen orientieren, die Organisationen im Umgang mit unvorhergesehen Ereignissen auszeichnen. Sie richten ihre Aufmerksamkeit eher auf ihre Fehler als auf ihre Erfolge. Sie meiden vereinfachende Interpretationen und haben einen Blick für das Ganze und entwickeln die entsprechenden Abläufe. Und schließlich streben sie nach äußerster Flexibilität und schätzen das einschlägige Fachwissen und Können der Expertinnen und Experten. Die Politik funktioniert anders, kann man einwenden.

Aber: Das Einfache wird jedenfalls nicht die Antwort auf diese Herausforderung sein.

Josef Oberneder ist Vizerektor der Pädagogischen Hochschule Oberösterreich. Er ist Co-Herausgeber des Buches „Warum Komplexität nützlich ist“ (Springer Verlag).

Corona – Das Virus hat uns fest im Griff

Das Jahr 2020. Corona wurde zum schillernden Begriff. Von einer „Wiedergewonnenen Freiheit“ einer „Neuen Normalität“ ist die Rede. Man solle mit angezogener Handbremse die Wirtschaft wieder langsam und vorsichtig hochfahren, ein Fahren auf Sicht sei jetzt der richtige Weg. Die Analysen zur Ausbreitung des Virus werden plötzlich mit einem Tiger verglichen, der im Hinterhalt auf der Lauer sitzt und zuschlägt, unangekündigt und schnell. Oder mit dem Auto kommt.

Schulen werden geschlossen, Baumärkte bleiben offen. Die Covid Reproduktionszahl wird zum epidemiologischen Superparameter erhoben. Täglich sind wir mit neuen Fallzahlen konfrontiert. Krisenstäbe tagen, obskure Verschwörungstheorien machen die Runde.

Das Virus hat uns also fest im Griff: Torpediert unsere Sprache – verändert sie (Contact-tracing, Lock-down etc.), gefährdet unsere Grundrechte, fordert von uns neue soziale Lebenswelten, bringt das Gesundheitssystem an seine Leistungsgrenze. Der „Wettbewerb“ zwischen den Nationen wird angeheizt, wohlwissend, dass es hier nicht um einen Wettbewerb geht. Österreich hat die Lage ganz gut im Griff, gerne vergleicht man sich mit anderen Ländern, wertet sie ab, beurteilt deren Wirtschaftsleistung, verhängt Reisewarnungen. Zu Beginn der Pandemie wusste man noch wenig über das Virus, nun habe man dazugelernt. Die komplexen Problemlagen fordern Wissenschaft und Politik.

Mitunter sind es aber die kleinen Alltagserfahrungen oder Momentaufnahmen, die in diesen turbulenten Zeiten die Veränderung der Gesellschaft ganz gut erklären oder zumindest zum Verständnis beitragen: Im lang ersehnten Österreichurlaub am Attersee, vor traumhafter Kulisse in einem kleinen Schmuckstück, das ein Millionär als Hotel betreibt. Quasi als Hobby. Eine 13.000 m2 Parkanlage, die den Gästen dazu dienen soll, sich neu zu entdecken. Es war dem kleinen Virus geschuldet, dass ich mit Maske (ordnungsgemäß) im Hotel einchecken konnte. Aber irgendwie war etwas ungewöhnlich. Unpersönlich. Unfreundlich. Ja, geradezu aufdringlich abweisend. Die „Maskenträgerin“ an der Rezeption wollte sich ganze fünf Tage lang nicht einmal meinen Namen merken. Die tägliche Frage, ob ich Hausgast sei (bei gut 20 Zimmern) ließ mich am Ende doch etwas verwundert mit meinen Urlaubsgefühlen zurück. Was war geschehen?

Die Pandemie und die damit verbundene physische und soziale Distanz bringen unseren Körper in ein enges Feld der Auseinandersetzung zwischen den Regeln der Gesellschaft und dem Virus, wie der Soziologe Dirk Baecker formuliert. Selten zuvor haben in den letzten Jahrzehnten unsere Alltagslebensumstände so einschneidend gelitten. Eine Unsicherheit, die zur Normalität wird? Die physische Distanz hat bei vielen Menschen zu einer enormen psychischen Belastung geführt. Selbst der Tod wurde zu einem unwürdigen Ereignis, wenn Menschen ohne angemessenes Begräbnis starben, so Ivan Krastev in seinen Ausführungen zur Veränderung Europas durch die Pandemie. Was von dieser Unsicherheit bleiben wird, ist völlig unabsehbar. Niemand kann nur ansatzweise sehen, wie es um unsere Gesellschaft in Zukunft bestellt sein wird. Und doch muss man an dieser Stelle festhalten, dass wir voraussichtlich mit einem neuen Wissen aus dieser Krise kommen werden. Der Politik sollte man aber ins Stammbuch schreiben, dass weder Aktionismus noch unnötige Angstmache helfen werden.

Übrigens, was meine Urlaubsgefühle rund um den Attersee betrifft: Die etwas fragwürdige Behandlung der Hotelgäste dürfte weniger dem SARS-CoV-2 Virus und dem Tragen von Masken geschuldet sein. Vielmehr handelt es sich um ein unprofessionelles Hotelmanagement. Mit und ohne Maske.  

Hochschulen mit beschränkter Hoffnung

Mein Gastkommentar in der Wiener Zeitung vom 14. 7. 2020

Aktuelle, coronabedingte Diskussionen über die Virologen Christian Drosten (Deutschland) und Martin Sprenger (Österreich) zeigen wieder einmal: Die Wissenschaft der Gesellschaft provoziert Fragen, die heute getrost als “Evergreens” gelten können: Was sollen Universitäten bzw. Hochschulen leisten? Was dürfen sich die Gesellschaft und die Steuerzahler von ihnen erwarten? Sowie nicht zuletzt: Welche Freiheit und welche Möglichkeiten der Selbstbestimmung brauchen sie, um diese Leistungen erbringen und diese Erwartungen erfüllen zu können?

In diesem Zusammenhang hat der französische Philosoph Jacques Derrida unter dem Titel „Die Unbedingte Universität“ eine bedingungslose Freiheit für jedwede öffentliche Äußerung, die der Wahrheitssuche dient, zur zentralen Bedingung für Universitäten erhoben. Dass diese Forderung an das Humboldt’sche Bildungsideal anschließt, ist leicht zu erkennen. Wohl wissend, dass auch dieses noch nie erreicht wurde (und wohl auch nie erreicht werden kann), darf dennoch die Frage nach der notwendigen Freiheit für Universitäten und Hochschulen nicht verstummen, darf der Kampf für diese Freiheit nicht aufgegeben werden – allen politischen und populistischen Entwicklungen zum Trotz.

„Die unbedingte Universität müsste […] der Ort sein, an dem nichts außer Frage steht.” Diese Forderung hat Jacques Derrida in seinem Vortrag aus dem Jahr 1998 nicht umsonst als Utopie formuliert, weil die Universität selbstverständlich nie „von jeder einschränkenden Bedingung frei“ sein kann – und es überdies fraglich ist, ob sie dies denn auch wirklich (also: mit allen sich daraus ergebenden Konsequenzen) will. Denn das Recht, „alles zu sagen“ wird rasch zur Pflicht, und nicht immer halten in der politischen Realität (entgegen dem juristischen Grundsatz des „ultra posse nemo obligatur”) die Möglichkeiten mit den Pflichten Schritt.

Freiheit, das hatte bereits Émile Durkheim festgestellt, „ist nachgerade das Ergebnis von Regulationen“, das heißt: von Bedingungen, deren Wegfall als scheinbare Freiheit geradewegs in gesetzlose Zustände der „Anomie“ (griech.: a nomós) führt. Souveränität bedeutet demzufolge auch im Fall der Universität nicht Unabhängigkeit (Autarkie), sondern, wie Dirk Baecker für soziale Systeme allgemein formuliert hat, die eigene Abhängigkeit (Heteronomie) autonom zu gestalten, und das heißt: sich eigene Gesetze (autós, nomós) zu geben, die bestimmen, wie man fremden Gesetzen (heteros, nomós) folgt.

Die “unbedingte Universität” wäre jedoch nicht nur eine unmögliche, scheinbar freie, sondern überdies eine unsichere: „Weil sie der Macht fremd, dem Machtprinzip gegenüber heterogen bleibt, verfügt die Universität auch über keine eigene Macht“, schreibt Jacques Derrida über jene Institution, die „ihrem erklärten Wesen nach ein Ort letzten kritischen – und mehr als kritischen – Widerstands“ sein und „die Wahrheit zum Beruf“ machen sollte. Möglicherweise macht diese Ohnmacht die Hochschulen aber anfällig dafür, sich mit der Macht gemein zu machen und sich die Einschränkungen der Souveränität über Budgets und Postenbesetzungen abgelten zu lassen.

Universitäten und Hochschulen müssen daher einen Mittelweg finden, zwischen der Scylla scheinbar möglicher Unabhängigkeit (Selbstüberschätzung) und der Charybdis durchschaubarer Anbiederung an die Macht der Bildungspolitik (Selbstaufgabe). Daraus speisen sich komplexe Problemlagen, die (außer in utopischen Forderungen) weder eindeutig noch ein für alle Mal gelöst werden können, sondern vielmehr einer laufenden öffentlichen Debatte bedürfen.

Vielleicht trifft es sich daher ganz gut, dass der prominente Soziologe Niklas Luhmann die gesellschaftliche Funktion von Wissenschaft nicht primär über die Feststellung von überprüfbarem Wissen bestimmt hat: Vielmehr sollten Universitäten und Hochschulen ihm zufolge eine Form der kontrollierten Ungewissheitssteigerung produzieren, die es erlaubt, immer wieder neue Probleme so aufzuwerfen, dass diese produktiv bearbeitet werden können.

https://www.wienerzeitung.at/meinung/gastkommentare/2067805-Hochschulen-mit-beschraenkter-Hoffnung.html

Die „närrischen“ Berater

Zum Missbrauch der Hofnarren

Das Phänomen ist nicht neu: Beratung als soziale Leistung in allen Bereichen unserer Gesellschaft.  Führungskräfteberatung, Schulberatung, Eheberatung, IT-Beratung, Erziehungsberatung, Beratung für Berater – wie auch immer, der Beratung scheint etwas Magisches, Zauberhaftes und Närrisches inne zu wohnen. Sie wurde zum erfolgreichen Sozialphänomen der spätmodernen Gesellschaft. Aber, wie erwähnt: Das Muster der Beratung ist nicht eine Zeiterscheinung der Moderne oder der Postmoderne, sondern hatte bereits seit der frühen Neuzeit Tradition.  

Die närrischen Berater

Der Soziologe Peter Fuchs geht davon aus, dass die Hofnarren schon immer hochbezahlte Spezialisten waren. Kaum ein Herrscher wollte beratungsfrei sein und das ihm zugewiesene Schicksal schultern. Die Hofnarren waren in der frühen Neuzeit in einem festen Amt verankert und dienten weniger dem Narrentum. Sie dienten vielmehr dem Herrn als eine Art Reflexionsspiegel um ihn vor der Sünde zu bewahren. Damit hatten die Narren eine hoch sozialkritische Beratungsfunktion inne. Unter systemtheoretischen Gesichtspunkten könnten wir formulieren, dass sie Beobachter waren, die dem Herrn mehr Bedeutung beigemessen hatten, als dem Beobachtungsgegenstand (dem beabsichtigen Ziel) selbst. Sie hatten somit das Privileg, die Herrschaft zu irritieren.

Wenn all diese Einschätzungen zutreffen, so waren bereits die närrischen Berater Mitbegründer einer Theorie der Beobachtung, die bestimmte Bedingungen formuliert unter denen sich der „Berater“ an den Spielen und Intrigen der Welt, somit an den Spielen der Herren und Fürsten, beteiligen konnte. Sie waren somit gefangen in einem Interaktionsspiel, das auf der Grundlage der Einführung eines Beobachters als Beobachter (Dirk Baecker) agierte. Die Beobachtung war damit doppelt und uneindeutig: Objektiv durch die Beobachtung selbst, und subjektiv durch die Setzung von Unterscheidungen, denen sie ihre Beobachtung verdanken. Kurz: Ein Beobachter sieht nicht die Welt, sondern das Ergebnis seiner Beobachtung. Diese scheinbare Tautologie, die in der Beratungszunft ja häufig strapaziert wird, löst sich auf, wenn wir bedenken, dass jede Beobachtung im Sinne des Soziologen Niklas Luhmann als ein unterscheidendes Bezeichnen definiert ist. Die Begrifflichkeit der Beobachtung hat aber demnach wenig damit zu tun, was wir im Alltag darunter verstehen. Es geht nicht um das Beobachten oder Überwachen von Personen und deren Handlungen, sondern vielmehr um eine allgemeine (Berater)-theorie der Beobachtung.

Wozu diese Theorie für Berater?

War es doch die vermeintliche Klarheit, meist ausgewiesen in einer strengen Linienorganisationen, die die Hegemonie der Hierarchie pflegte. Und waren es selbst die mit den herausfordernden Aufgaben einhergehenden Problemlagen die mit eindeutigen Lösungsansätzen adressiert werden konnten. Sind es nunmehr Ausprägungen und Aufgabenstellungen, die nicht mehr in dieser Klarheit der letzten Jahrzehnte gelöst werden können. Längst geht es in unserer postmodernen Gesellschaft um das Verlernen alter, bekannter und eingeübter „Wirklichkeiten“ und um das Suchen des Fremden. Das heißt, um das eigene Erleben von Unsicherheit und das Aushalten von Komplexität sowie gesellschaftlicher Vielfalt. Die aktuelle Pandemie führt uns in dramatischer Weise eine dystopische Gegenwart vor Augen und wirft die Schatten auf eine uns unbekannte Zukunft. Völlig neue Realitäten werden uns aufgezeigt, die zur Auflösung von Ordnungsprinzipien in allen gesellschaftlichen Bereichen führen. Werden dabei die „Herrscher“ gut beraten? Wir hoffen es sehr.

Der Übergang zur nächsten Gesellschaft ist nämlich eine Gesellschaft des „Fremden“ und der Kontingenzen: „Es könnte auch alles ganz anders sein“. Beratung wird notwendig sein, nicht nur in der Krise, sondern auch im Verlust von vertrauten Rahmen, oder im Aufspüren von Ordnung in der Unordnung und in der Beschreibung einer Welt, die konsterniert über sich selbst ist. Beratung in einer Gesellschaft und deren Organisationen in einem „närrischen“ Zustand.

Wir reden von komplexen sozialen Systemen die sich im Wissenschaftsbetrieb gerne den „Claim“ der Objektivität auf die Fahnen geschrieben haben. Faktenbasiert oder im Beraterjargon „evidence-based“ müsse die Gesellschaft handeln. Zum Glück kann man hier formulieren, dass es die „Gesellschaft“ nicht gibt. Man kann die Gesellschaft nicht besuchen und adressieren. Rezepturen für eine gesamtgesellschaftliche Veränderung sind demnach obsolet.

Der Stumpfsinn des Normativen und des Dogmatismus wandeln sich zu einer gesteigerten kognitiven Lernbereitschaft – hoffentlich. Einer Bereitschaft, gesellschaftliche Funktionssysteme und ihre Organisationen in der Struktur des Verdachts zu erkunden, wie der Soziologie Dirk Baecker formuliert. Sie seien weder in ruhiger Kontemplation noch in distanzierter Theorie, sondern nur im Modus der Einmischung zu erforschen. Und dazu braucht es eine Theorie für Berater?

Ja, die einfache Antwort auf diese Frage ist, dass die Theorie des Beobachtens dabei hilft, Relationen in unserer Gesellschaft zu identifizieren, die Phänomene und ihre Funktion gegenüber anderen Phänomenen und deren Funktionen erklären und identifizieren. Allein schon diese Annahme ist allerdings alles andere als harmlos und trivial. Beratung muss in der Struktur des Verdachts Probleme und Lösungen herausfiltern, vergleichen und verwerfen. Nur so ist es möglich der hochgradigen Komplexität unserer Gesellschaft zu begegnen. Denn, um an dieser Stelle noch einmal Niklas Luhmann zu strapazieren: Alles was geschieht, geschieht gleichzeitig.

Rat und Tat

Unter diesen Bedingungen der Gleichzeitigkeit muss Beratung zwischen Rat und Tat unterscheiden. Häufig wird es weniger um das Angeratene gehen, sondern vielmehr um die Verzögerung des Angeratenen. Den Aufschub in der Gleichzeitigkeit. Und Beratung wird dabei gut beraten sein, selbst genaue Beobachtungen anzustellen welche Alternativen zum selbstgewählten Rat existieren.

Eine Warnung vor dem Missbrauch der Hofnarren

Auch Kritik ist laut geworden: Über die Professionalität der Berater. Über ihr Rollenverständnis, das mitunter als Komplizentum des Management und der Herrscher gesehen wird, ja mitunter für korruptes Verhalten missbraucht wird. Von Verantwortungsdiffusion könnte man berichten: Wie die Hofnarren in ihrer Rolle als Berater missbraucht werden, um von Entscheidungen abzulenken, die dem Management in ihrer Funktion zustehen würden.

Über eine „Beraterpest“, die über die Universitäten und Hochschulen hergefallen ist, spricht der Philosoph Robert Pfaller. Gar windige private Anbieter würden gleichsam per Gesetzeszwang an die Tür klopfen. Im Unterschied zum privatwirtschaftlichen Vorbild könne man sich – bei erkannter Nutzlosigkeit – nicht wieder davon befreien.

Tatsächlich wird Unsicherheit im Berateralltag produziert. Berater sollen ja nicht nur Lösungen für Projekte und Fragestellungen liefern, sondern machen zusätzlich auf vermeintlich ungelöste Probleme aufmerksam, um erneut Angebote für Beratungsleistungen anbieten zu können. Vorsicht ist daher angezeigt: Die soziale Konstruktion zwischen den Fürsten und den Hofnarren, um in unserem Bild zu bleiben, muss als Co-Produktion verstanden werden. Beide müssen gleichermaßen beteiligt sein. Und beide müssen ein abgesprochenes Verständnis über das Verhalten und das Handeln der Beratungspraxis haben: Was ist unter guter Beratung zu verstehen? Wer ist Berater und wer ist mein Kunde? Wie muss ich als Berater mit meinem Auftraggeber umgehen?

Angesichts dieser formulierten Warnungen vor dem Missbrauch der Hofnarren durch die Fürsten, sollten auch die Hofnarren ihr Rollenbild schärfen.

(der Artikel wurde im periodischen Magazin der Pädagogischen Hochschule OÖ 2/2020 4. Jg. S. 15 veröffentlicht)

%d Bloggern gefällt das: