Appelle ans Emotionale

Sebastian Kurz´politische Appelle ans Emotionale

Anmerkungen zur türkisen Massenbegeisterung. In einem Kommentar der Anderen in der Tageszeitung derStandard habe ich am 7.6.2019 eine Analyse des aktuellen politischen Procedere erstellt.

Hier der vollständige Artikel

https://www.derstandard.de/story/2000104290526/sebastian-kurz-politische-appelle-ans-emotionale

 

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Politisches Kalkül der Gegenwart

Die Demokratie als politisches System ist wohl unumstritten: Sie ist die beste Form gesellschaftlicher Steuerung. Und sie ist jene Form, die Freiheit im Sinne von selbstverantworteter Mündigkeit (Kant) ermöglicht. Die Stärken demokratischen Handels liegen somit klar auf der Hand: Transparenz, Beteiligung aller Bürgerinnen und Bürger, Meinungs- und Pressefreiheit, Wahlfreiheit, Einhaltung der Menschenrechte, um nur einige zu nennen. Die Geschwindigkeiten und Widersprüchlichkeiten in der gesellschaftlichen Entwicklung und die damit verbundene politische Steuerung sind aber unübersehbar: Traditionelle Souveränitäten der Nationalstaaten prallen auf internationale und globale Kontexte und Logiken. Die Herausforderungen werden demnach komplexer, umfangreicher und schwieriger. Spätestens bei Problemstellungen wie dem evidenten Klimawandel, der Entwicklung des Gesundheits- oder Bildungssystems oder der „chronifizierten“ Migrationsproblematik werden die Grenzen und die Schwierigkeiten des Regierens sichtbar. Fest steht: Im Sinne des Soziologen Helmut Willke hat Politik in einer modernen differenzierten Gesellschaft die Aufgabe, Rahmenbedingungen für die Herstellung und Durchsetzung von erforderlichen verbindlichen Entscheidungen zu schaffen. Die Form, in der dies erfüllt wird, ist die Demokratie. Und dabei ist entscheidend, dass die Demokratie der Politik die Strukturen, Prozesse und Regeln vorgibt, nach denen politische Entscheidungen zu treffen sind. Ohne Wenn und Aber, wenn ein Land dem Anspruch von Demokratie genügen will.

 

Anschaffen und durchziehen

Nicht lange diskutieren – sondern anschaffen und durchziehen. Nach zahlreichen innenpolitischen Ereignissen der jüngsten Vergangenheit scheint das politische Kalkül in Österreich klar definiert zu sein: Direktive hierarchische Steuerung. Autokratisch und selbstverliebt. Der Feind ist die andere Seite des politischen Spektrums. Die Transformation weg von einer liberalen hin zu einer autoritären Demokratie wird mittlerweile nach Veröffentlichung des Buches von Reinhold Mitterlehner selbst in Boulevardmedien diskutiert. Das Volksbegehren zum Raucherschutz wird ignoriert, Begutachtungsfristen für Gesetzesänderungen werden extrem kurz gehalten. Ein kritisches Interview von Armin Wolf wird durch die FPÖ als „widerlich“ bezeichnet und findet den Höhepunkt im Vorschlag, Armin Wolf solle beim ORF eine Auszeit nehmen (ORF Stiftungsratsvorsitzender und ehemaliger FPÖ-Chef Steger).

Die Sprachmuster der Regierenden sind eingeübt (das ist nicht neu) und werden gebetsmühlenartig reproduziert. Man kooperiere und streite nicht. Die Antworten passen praktisch zu jeder Frage. Man tue ja das, was man vor der Wahl versprochen habe. Die Unerschrockenheit über das Widerliche am rechten Rand ist erstaunlich! Man habe sich distanziert und alles ist wieder gut. Selbst langgediente Bundespräsidenten machen sich Sorgen und gehen vorsichtig mahnend an die Öffentlichkeit. International sind die Schlagzeilen gesichert. Die Frage ist nur, ob diese Schlagzeilen einem offenen, pluralen Österreich guttun.

Die selbst begeisterte Begeisterung

Was soll daran nun bedenklich sein, wenn eine Regierung mit einer von sich selbst begeisterten Begeisterung agiert?

Die Bedenklichkeit speist sich aus zahlreichen Quellen: Einmal ist es eine seltsame Inhaltsleere der Reformen, die massenmedial kommuniziert wird, weil die Reduktion von Komplexität und schwierigen Zusammenhängen schnell verstanden und öffentlich goutiert wird. Sie sind „praktisch und einfach“, ja manchmal von überraschender Schlichtheit durchzogen. Wir reden da von Verboten von Kopftüchern in Kindergärten, der Erhöhung der Geschwindigkeitsbeschränkung auf Autobahnen auf 140 Stundenkilometer, oder etwa darüber, ob Führerscheinprüfungen in türkischer Sprache abgehalten werden sollen (Stichwort: Symbolpolitik). Mit leuchtenden Augen wird das Mythologem des Fortschritts und der mittlerweile so überfällige Umbau Österreichs kommuniziert. Beseelt davon, dass das Ganze unaufhaltbar ist, unabhängig von Oppositionsgeräuschen und Gesprächen mit der Sozialpartnerschaft. Unter solchen inhaltlichen Voraussetzungen darf man schon nachfragen, ob vielleicht die Gestalter des Umbaus auch manchmal auf Unschärfen auflaufen?

Irgendwie scheint man die großen unsteuerbaren Bereiche unserer Gesellschaft eben steuern zu wollen: Gesundheit, Klima, Bildung, Migration etc.. Das Bild der Steuerung, das konstruiert wird, ist teuflisch prägnant, weil es in seiner Einfachheit gesellschaftlich so hoch anschlussfähig ist. Man schließe neun Gebietskrankenkassen zu einer zusammen und verbinde das Projekt mit einer prognostizierten Einsparung von einer Milliarde Euro. Oder man führe wieder Noten in den ersten beiden Klassen der Volksschule ein, um Leistung zu messen. Denn nur die „Leistungsträger“ unserer Gesellschaft würden erfolgreich sein. Man differenziere das ohnehin bereits differenzierte Schulsystem weiter um scheinbar besser und individueller fördern zu können. Man fordere bessere Sprachkenntnisse bei Asylsuchenden und erhöhe das Sicherheitsbudget. Und schon funktioniere unsere Gesellschaft wieder nach den Regeln die wir „liebgewonnen“ haben: Klar, einfach, hierarchisch und angeordnet.

Fragen statt sagen

Im Prinzip geht es in der modernen Gesellschaft aber darum, dass alles was geschieht, nicht eindeutig definierbar ist. Eben nicht linear steuerbar ist, sondern einer Kontingenz unterliegt. Moderne Gesellschaften fragen deshalb Menschen um ihre Meinungen, ihre Positionen, ihren Protest und ihren Widerstand. Denn „Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht“ hatte Erich Kästner formuliert.

Vielleicht geben all diese Beispiele der jüngsten Vergangenheit den Anlass die Vermutung zu wagen, dass das augenblickliche politische Kalkül kein großes Interesse am Nachfragen hat. Das Format des Fragens, des Mitbeteiligens, des Verhandelns ist aufwändig. Und das will man nicht. Man muss ja Österreich umbauen. Schnell und effizient „enkelfit“ machen – welch seltsame Wortschöpfung?

Der gesellschaftliche „pressure of change“ sei vom Wähler gewünscht worden; wahrscheinlich war damit die Funktion des österreichischen Jammers gemeint. Niemand glaubt doch ernsthaft, dass in einem der reichsten und sichersten Länder der Welt, die Menschen ein geradezu manisches Bedürfnis nach Veränderung haben. Vielmehr müsste die Frage nach der Beständigkeit gestellt werden. Welche Errungenschaften sollten unbedingt so bleiben wie sie sind? Was war die große Erfolgsgeschichte der zweiten Republik?

Die Grenzen des Sagbaren

Niklas Luhmann konzipierte im Rahmen seiner systemtheoretischen Gesellschaftstheorie die Annahme, dass jedes soziale System durch die Kopplung von Kommunikationen und Entscheidungen entsteht. Demnach wird das Gesellschaftssystem solange aufrechterhalten, solange die Kommunikationsstrukturen anschlussfähig sind. Die Symptome eines sich selbst feiernden politischen Systems könnten daher ziemlich deutlich an seinem Kommunikationsverhalten abgelesen und interpretiert werden, ohne noch auf die Bewertung von inhaltlichen Reformen zu schielen. Das eigentlich Dramatische am augenblicklichen politischen Kalkül scheint also die Verweigerung von Kommunikation zu sein. Und da lauert die Gefahr für die Zukunft: Die Verhinderung von Abweichungen und die Verhinderung von Diskurs verschieben die Grenzen des Sagbaren auf die Meinung der Regierenden und reduzieren konsequenter Weise damit demokratische Strukturen der Meinungs- und Pressefreiheit.

 

 

Inklusiv steuern, lenken, planen.

Vorwort zum Magazin 02/2019 der Pädagogischen Hochschule Oberösterreich. Schwerpunkt Inklusion.

Wir freuen uns als Verantwortliche des Hochschulmanagements der PH OÖ, dass das vorliegende Magazin die Thematik „Inklusion“ so inklusiv, so breit und ebenso einschließend behandelt. Dieser Sachverhalt erklärt sich auch, aber nicht nur aus der bildungspolitischen Geschichte der letzten 25 Jahre in Österreich. Unser Standort hat sich bereits in den 1990er-Jahren intensiv mit dem Wissen um Verschiedenheit von Bedürfnissen aller Kinder und Jugendlicher auseinandergesetzt. Schon zu Zeiten des Akademiestudiengesetzes 1999 wurde dem Aspekt der Vielfalt, der „Normabweichung“ und den uneingeschränkten Partizipationsmöglichkeiten im System Schule von etikettierten, marginalisierten Schülergruppen besonderes wissenschaftliches Augenmerk geschenkt. Wir werden in unserem Beitrag den Fokus nicht auf nationale Gesetze und internationale Ratifizierungen Österreichs richten, weil dadurch inhaltlichen Redundanzen des Magazins verhindert werden sollen. Wir können auch keine wissenschaftlich fundierte Abhandlung erstellen, dies obliegt den Expertinnen und Experten der Inklusiven Bildung in unserem Hause. In unserer Annäherung fokussieren wir das Thema unter strategischer, organisationaler und betrieblicher Hinsicht.

Link zur Mediathek der PH OÖ. Magazin 02/2019 https://ph-ooe.at/media.html

 

Gesellschaftliche Komplexität

Prof. Helmut Willke spricht in einer Keynote an der Pädagogischen Hochschule Oberösterreich über „Gesellschaftliche Komplexität und die Steuerungsfunktion der Politik“.

Helmut Willke im Gespräch

Im Rahmen eines Workshops am 7. März habe ich mit dem Systemtheoretiker und Politikwissenschaftler Prof. Helmut Willke ein Gespräch über „Führung und Steuerung von gesellschaftlichen Funktionssystemen“ geführt.

https://www.dorftv.at/video/31027

Gespräch über Führung und Veränderungsmanagement

Gespräche – Was die Bildungswelt bewegt. Die Direktorin der Oberösterreichischen Gebietskrankenkasse, Dr.in Andrea Wesenauer, war zu Gast an der PH OÖ. Ich führte ein Gespräch über Führung und Veränderungsmanagement. Das Gespräch wurde im dorftv. am 18. Dezember übertragen.  Link zum 10 Minuten Video.

https://www.dorftv.at/video/30543

Grenzenlos

Das neue Magazin der Pädagogischen Hochschule Oberösterreich fokussiert den Themenschwerpunkt „Internationalität“. Mein Spotlight ist hier zu lesen.

Globalisierung und transnationale gesellschaftliche Logiken haben Hochschulen verstärkt seit den 1990 Jahren in Richtung internationale Weiterentwicklung beeinflusst. Insbesondere Europäische und nationale Förder- und Mobilitätsprogramme haben es ermöglicht, dass Lehrende und Studierende an internationalen Forschungsprojekten an Austauschprogrammen teilnehmen und damit für globalisierte Arbeitsmärkte vorbereitet werden. Im Sinne von Jane Knight können die verstärkten internationalen Entwicklungen von Hochschulen umschrieben werden: „Internationalisation of higher education is the process of integrating an international/intercultural dimension into the teaching, research and service of the institution“.

 

Die Pädagogische Hochschule Oberösterreich sieht die Internationalisierung als ein zentrales Ziel, dem ein dynamischer Prozess des permanenten Reflektierens innewohnt. Dies erfordert nicht nur die Zählung von Teilnehmer_innen an internationalen Austauschprogrammen, sondern vielmehr die gemeinsame Erschließung wesentlicher Erkenntnisse des gemeinsamen Lernens in anderen kulturellen Kontexten. Dabei sind vor allem auch gesellschaftliche und bildungspolitische Herausforderungen von großer Bedeutung. Wir sehen es als unsere Aufgabe eine aufgeschlossene und engagierte Haltung nach Lösungen für weltweite Bildungsfragen und Herausforderungen zu fördern und verschiedene kulturelle Perspektiven und Sprachen als individuell und kulturell bereichernd zu verstehen.

Unser Kooperationsnetzwerk umfasst eine große Anzahl von europäischen Ländern sowie Georgien, Weißrussland und Israel.

Das aktuelle Magazin der Pädagogischen Hochschule Oberösterreich gibt einen Überblick zu vielen Bereichen und Aktivitäten unserer internationalen Bemühungen. Viel Freude beim Lesen!

Link zur elektronischen Ausgabe des Magazins

http://www.ph-ooe.at/fileadmin/Daten_PHOOE/ebooks/PH%20OOE%20Magazine/International/HTML/files/assets/basic-html/page-1.html#

 

 

 

Organisationsforschung – Wie beeinflusst man Organisationskultur?

Was Bildung bewegt. Im Rahmen von PH TV fand ein Gespräch von mir mit Prof. Stefan Kühl von der Universität Bielefeld statt.

In seinem 2018 veröffentlichten Buch „Organisationskulturen beeinflussen “ versteht er unter Organisationskultur – die informale Struktur einer Organisation – Verhaltenserwartungen, über die nicht bewusst entschieden wurde, sondern die sich langsam durch Wiederholungen und Imitationen eingeschlichen haben. Es wird gezeigt, wie es mithilfe dieser engen Bestimmung möglich ist, die Kultur einer Organisation genau zu erfassen, um Ansätze für Veränderungen identifizieren zu können. Denn: Die einzige Möglichkeit, die Organisationskultur zu beeinflussen, besteht darin – und das mag zunächst paradox klingen –, die formale Struktur der Organisation zu verändern.

Prof. Stefan Kühl, geb. 1966, Studium der Soziologie, Geschichtswissenschaft und Wirtschaftswissenschaft an der Universität Bielefeld, Johns-Hopkins-University Baltimore, Université Paris-X-Nanterre und University of Oxford. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig an den Universitäten in Bangui (Zentralafrikanische Republik), Magdeburg und München. Promotion in Soziologie an der Universität Bielefeld und in Wirtschaftswissenschaften an der Universität Chemnitz. Habilitation in Soziologie an der Universität München. Gastprofessor an der Venice International University und der Universität Hamburg. Professor für Soziologie an der Helmut-Schmidt-Universität – Universität der Bundeswehr Hamburg von 2004 bis 2007. Seit 2007 Professor für Soziologie an der Universität Bielefeld. Forschungsgebiete: Gesellschaftstheorie, Organisationssoziologie, Interaktionssoziologie, Industrie- und Arbeitssoziologie, Professionssoziologie, Wissenschaftsgeschichte

Systeme der Governance – eine Annäherung

 

Einleitung der Herausgeber/innen zum Buch. Wesenauer A., Oberneder J., Reinbacher P. (2018 Hrsg.): Wie Governance gelingen kann – Auf der Suche nach Antworten mit Beiträgen von Dirk Baecker und Friedrich Glasl.

Auch im 21. Jahrhundert wird die gesellschaftliche Entwicklung noch immer begleitet
von Forderungen, die Folgen der soziokulturellen Evolution und der funktionalen
Differenzierung sowie der damit einhergehenden Steuerungsdefizite in
einzelnen Funktionssystemen – wie beispielsweise im Gesundheits- und im Bildungssystem – durch Integration auf einer höherer Ebene zu kompensieren. Allerdings entpuppt sich die hierarchische Integration gesellschaftlicher Bereiche
durch die „sichtbare Hand“ der Politik zunehmend als Illusion der Moderne und
allenthalben ist ihr eindrucksvolles Scheitern zu beobachten. Gleichzeitig stehen
jedoch auch liberale Marktmodelle – nicht zuletzt aufgrund der weithin sichtbaren
unerwünschten Nebenwirkungen der „unsichtbaren Hand“ – immer stärker in der
Kritik. Die sichtbare und die unsichtbare Hand der hierarchischen Bürokratie und
des Wettbewerbs auf Märkten stoßen als einfache und vor allem eindimensionale
Koordinationsmechanismen ganz offensichtlich immer öfter an die Grenzen ihrer
Leistungsfähigkeit. Damit wiederum drängen sich Fragen nach heterarchischen
Formen der Koordination und der Steuerung auf, um den Herausforderungen der
Postmoderne in der politischen und vor allem auch in der organisationalen Praxis
entsprechend Paroli bieten zu können. Möglicherweise sind deshalb „fluide“ Sozialformen wie Netzwerke, Communities etc. sowie laterale Steuerungsmodelle
wie jene der „Governance“ angemessenere Antwortstrategien im Umgang mit den
komplexen Veränderungsdynamiken, denen wir in großen gesellschaftlichen Politikfeldern begegnen?

Entsprechende Versuche, neue, hybride Koordinationsmechanismen und Organisationsmuster zur Steuerung zu implementieren, führen allerdings ihrerseits zu Eigenlogiken in ihrem Verhalten und zu Dynamiken mit besonderen Herausforderungen und zwar sowohl für die interne (also: die intraorganisationale) als auch für die übergreifende (also: die interorganisationale) Systementwicklung.

Angemessene Steuerungs- und Führungsverständnisse für diese neuen, komplexen und vielschichtigen Systeme der „Governance“ erfordern deshalb fundiertes und reflektiertes Wissen über jene qualitativen Veränderungen, die mit solchen neuen Strukturen einhergehen. Andernfalls läuft ihr Management Gefahr, von unerwünschten Nebenwirkungen in Form von unbeabsichtigten Nah-, Fern- und Wechselwirkungen unvorbereitet auf dem falschen Fuß erwischt zu werden. Zu den zeitgemäßen Kernkompetenzen für Management und Leadership zählt demnach insbesondere der konstruktive Umgang mit Konflikten aufgrund von „Diversity“, denn: Sind nicht heterarchische Koordination zwar flexibler, gleichzeitig aber konfliktanfälliger, weil in fluiden Sozialformen – die den Zugang in vielen Fällen nicht formal regeln können (oder: gar nicht formal regeln wollen) – die „Vielfalt“ zwar im Sinne von „requisite variety“ (W. Ross Ashby) nützlich, aber zugleich problematisch ist – sodass auch gelingende Kooperation nicht vorausgesetzt werden kann?

Vor diesem Hintergrund haben sich die Pädagogische Hochschule und die Gebietskrankenkasse Oberösterreich – als zwei große nationale Player auf den immer wieder im Interesse der öffentlichen Aufmerksamkeit stehenden Feldern der Gesundheits- und der Bildungspolitik – zum Ziel gesetzt, im Rahmen einer Reihe periodischer Veranstaltungen für ihre Führungskräfte mit hochkarätigen Expertinnen und Experten ein solchermaßen angemessenes Steuerungs- und Führungsverständnis zu entwickeln und dieses anhand sowohl theoretisch reflektierter als auch praktisch realisierbarer Lösungsvorschläge für die Arbeit in der Organisationsentwicklung
zu konkretisieren. Dieser Einladung sind im Rahmen der ersten beiden Veranstaltungen Dirk Baecker und Friedrich Glasl gefolgt. Als Ausgangspunkt für die Untersuchung der eingangs skizzierten Problem und Fragestellungen boten sich dabei jene systemisch- onstruktivistischen, mitunter auch systemtheoretischen Ansätze an, die ebenfalls spätestens im 20. und 21. Jahrhundert einen erstaunlichen Aufschwung erlebt haben. Bekanntlich konnten mit ihrer Hilfe in so unterschiedlichen Disziplinen wie in der Biologie (L. v. Bertalanffy, H. v. Foerster), in der Mathematik (G. Spencer-Brown, N. Wiener), in der Medizin und in der Psychotherapie (G. Bateson, F. B. Simon), aber auch in den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften (T. Parsons, N. Luhmann, D. Baecker) zahlreiche Phänomene bearbeitet werden, die sich bis dahin sowohl einer theoretischen Analyse als auch einer praktischen Nutzung für (politische, unternehmerische und ganz allgemein organisationale) Steuerungsfragen gleichermaßen entzogen hatten.

Die Auftaktveranstaltung im Jahr 2016 hatte in diesem Sinne unmittelbar zum Ziel, die zeitgenössische Systemtheorie in der Tradition von Niklas Luhmann auf ihre aktuelle Bedeutung für die zwei zentralen gesellschaftlichen Politikfelder Bildung und Gesundheit am Beispiel Österreich zu befragen. Für diese Tagung begann Dirk Baecker seine „Übung“ (so die für den Eröffnungsvortrag von ihm selbst gewählte Bezeichnung) zur Führung im System der Governance mit einem „Crash Kurs in Systemtheorie“, bevor er sich der eigentlichen Problemstellung, nämlich der Suche nach einem systemischen Verständnis für die Steuerung und Führung in komplexen Strukturen Governance, zuwandte. Die anschließende Diskussion drehte sich einerseits um Fragen der Interpretation, andererseits um die mögliche Anwendung auf konkrete Problemstellungen der beiden Organisationen, wie von Paul Reinbacher in seinen Gedanken über die Governance im System der Pädagogischen Hochschulen sowie von Wolfgang Hable und Andrea Wesenauer in ihren Ausführungen über Die Gesundheitsreform 2012 in Österreich im Spiegel politischer Steuerungsinstrumente illustriert.

Im Zuge der Veranstaltung konnte außerdem Josef Oberneder ein Interview mit Dirk Baecker über „Führung“ führen, in dem dieser sich – in bekannt pointierten Formulierungen – zu „postheroischer Führung“ äußerte und in diesem Zusammenhang für eine Überwindung des individuellen Narzissmus zugunsten systemischer Selbstorganisation plädierte.

Die darauffolgende zweite Veranstaltung im Jahr 2017 rückte Fragen der Diversität in Systemen sowie den Nutzen der sich daraus ergebenden Kooperations- und Konfliktpotenziale in den Fokus der Aufmerksamkeit. In zwei Vorträgen erläuterte der prominente Konfliktforscher und Berater in Organisationen und in Friedensprozessen, Friedrich Glasl, welche systemischen Effekte ausgehend von Unterscheidungen wie Diversität/Homogenität, Diversität/Polarität etc. möglicherweise zu erwarten sind. Immerhin haben sowohl Konflikt als auch Kooperation ihren Kristallisationskern in einer Differenz (z. B. „ich“ versus „der andere“ bzw. „die andere“, „meine Interessen“ versus „die Interessen anderer“). Diesen Ball nahmen Stefanie Karner in ihrem von der Praxis inspirierten Plädoyer Vielfalt als Erfolgspotenzial! Die OÖGKK am Weg zum „Whole Brain Thinking®“ und Paul Reinbacher in seinen kurzen analytischen Überlegungen zum Konflikt im Kern der Pädagogischen Hochschulen als Ergänzung auf.

An diesem Tag führte Markus Rohrhofer von der österreichischen Tageszeitung „Der Standard“ überdies ein Interview mit Friedrich Glasl und Josef Oberneder über „Diversity und Leadership“, das sehr persönliche Einblicke in den beruflichen und privaten Alltag zweier Führungskräfte mit breitem nationalem und internationalem Erfahrungshintergrund gewährt.

So wollen die Beiträge dieses, nun nach den ersten beiden Jahren vorliegenden Bandes nicht nur als Resümee, sondern darüber hinaus als Einladung zum breiteren Nach-Denken über diese aus Sicht der Praxis anspruchsvollen Veranstaltungen verstanden werden. Dies ist insbesondere deshalb von Nutzen, weil auf diesem Weg die von Dirk Baecker und Friedrich Glasl angestoßenen Irritationen im Zuge des alltäglichen Handelns ihre Bedeutung und ihre nachhaltige Wirkung für die organisationale Praxis entfalten können – und zwar über den engeren Kreis der Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus der Pädagogischen Hochschule und der Gebietskrankenkasse Oberösterreich hinaus.
Linz, im Frühjahr 2018

https://www.springer.com/de/book/9783658241131?fbclid=IwAR0HXOZ_02la9IxsMfpn6K8MOzGlvNG-dANZn5XjbNVfMkAIvzkJwzUbMLA

 

Laterale Führung im Kontext von Schulen

Das neue Magazin der Pädagogischen Hochschule beschäftigt sich mit dem Thema Führung. Hier mein Spotlight zum Schwerpunktthema.

Führen an Schulen ist eine kommunikative Meisterleistung.
Schulleiterinnen und Schulleiter können sich längst nicht mehr einfach auf das Steuerungsinstrument der Hierarchie verlassen. Die strukturellen Voraussetzungen werden sich zwar mit den unterschiedlichen Reformbemühungen (Zusammenschluss von Schulen, neue Bildungsdirektionen) immer wieder verändern, aber: In Zeiten von komplexen Aufgaben- und Problemstellungen sind vor allem Kooperations- und Kommunikationsfähigkeit gefragt. Damit gewinnt eine neue Führungsphilosophie an Bedeutung.

Eine Antwort auf die brennenden Fragestellungen des Führens in Schulen könnte demnach das Konzept des „lateralen Führens“ sein. Der Organisationssoziologe Stefan Kühl spricht von einer seitlichen Führung, die sich vorrangig auf die Zusammenarbeit von Personen als Vertreter ihrer Organisationseinheiten konzentriert. Damit würde die Kooperation der Schulleitung mit den Pädagoginnen und Pädagogen im Sinne der gemeinsamen Erarbeitung eines Denk- und Handlungsrahmens, der an die Stelle von persönlich verfestigten Sichtweisen tritt, zur zentralen Managementaufgabe.

Das Zusammenspiel von unterschiedlicher Interessen und das Know how von unterschiedlichen Personen zu verbinden setzt aber sehr wohl den professionellen Umgang mit Macht und Vertrauen voraus. Laterales Führen bedeutet nicht den naiven Verzicht auf funktionale Kompetenzen und Aufgaben innerhalb der Schule. Kurz: Führung wird unter diesen Prämissen eben in Schulen zur kommunikativen Meisterleistung. Das aktuelle Magazin der Pädagogischen Hochschule Oberösterreich gibt einen aktuellen Überblick über die zweifellos herausfordernde Aufgabe von Führung aus unterschiedlichen Perspektiven.

Die Zeichen für die Zukunft stehen gut. Mit der Einführung des Hochschullehrgangs „Schulen professionell führen“ und der damit verbundenen Möglichkeit einer Vorqualifikation, werden Pädagoginnen und Pädagogen in unterschiedlichen Führungs- und Organisationsfragen Hilfe und Antworten erhalten.

Link zur Mediathek der Pädagogischen Hochschule Oberösterreich.

https://ph-ooe.at/media.html

 

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